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  • Susanne Altoè

Symbolon

«Kannst Du kommen? Frau Kobler geht es schlechter.» «Natürlich.»

Ich mache mich auf den Weg auf die Demenzstation, wo Frau Kobler seit zwei Jahren lebt. Wir kennen uns gut von Gesprächen und Begegnungen auf der Station, vom gemeinsamen Singen, von den Gottesdiensten, an denen Frau Kobler bis vor wenigen Wochen aktiv teilgenommen hat.

Nun liegt sie da, die zarte, kleine Gestalt. Ihr Gesicht ist zerschlagen. Eine Wunde an der Stirn musste genäht werden. Es war ein schwerer Sturz, auch wenn sie sich Gott sei Dank nichts gebrochen hat. Schon eine Weile hatte sie sich deutlich verändert, aber jetzt erkenne ich sie kaum wieder.

«Frau Kobler, ich bin es, Frau Altoè von der Seelsorge.» Ihr Blick geht durch mich hindurch. Mit den Händen nestelt sie in der Decke, die die Pflegenden sorgfältig eingebettet haben. Ihre Wunden sind frisch versorgt, doch Frau Kobler schwitzt vor Unruhe. Plötzlich schlägt sie nach mir: «Gang wäg, gang wäg!» - Ich ziehe mich auf die andere Seite des Zimmers zurück und überlege, was Frau Kobler in ihrer Not erreichen könnte.

Petra von der Pflege kommt ins Zimmer: «Nicht gut. Wir wissen nicht, wie es weiter geht, ihr Zustand verschlechtert sich. Sie scheint in einer grossen Angst zu sein, wir haben ihr schon Medikamente aus der Reserve gegeben. Aber bisher haben sie nicht geholfen.» «Ich kann einen Moment bleiben. Vielleicht erreicht sie eine bekannte Melodie oder ein Gebet. Frau Kobler ist ja immer sehr gläubig gewesen.» «Versuchen kannst Du es ja» meint Petra, und macht sich auf den Weg ins Nachbarzimmer, wo Herr Link zu Rufen angefangen hat.

Angesichts von Frau Koblers schlechtem Zustand scheint es mir angemessen, den Pfarrer ihrer Heimatgemeinde zu informieren, Angehörige hat sie keine mehr. Don Paolo kennt sie gut, viele Jahre war sie eine regelmässige Kirchgängerin gewesen und engagiert in verschiedenen Gruppen der Pfarrei. Doch als er an ihrem Bett steht, schaut Frau Kobler auch ihn verwirrt an, schlägt nach ihm und ruft voll Angst: «Gang wäg, gang wäg!»

Wir sind ratlos. Zwingen wollen wir die arme Frau auf keinen Fall, auch wenn wir beide wissen, dass sie die Krankensalbung gewünscht hatte, als es ihr noch besser ging. Plötzlich kommt mir eine Idee: «Don Paolo, zieh die Jacke aus und leg die Stola an!» Er reagiert sofort.

Frau Koblers leerer Blick füllt sich mich Leben. Vorsichtig tritt der Priester näher und lächelt. Frau Koblers Augen weiten sich. Sie greift nach der violetten Stola, packt sie und fängt an zu rufen: «Mein Bruder, mein Bruder! Mein Bruder hat auch so eine! Es ist keine Täuschung, es ist keine Täuschung!» Tränen strömen über ihr Gesicht. Mit grosser Ruhe und Andacht empfängt sie die Krankensalbung. Es scheint sogar, als ob sie beim Vaterunser mitbeten würde, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet.

Ergriffen stehen Don Paolo und ich da. «Sie hat die Stola erkannt?!» «Ja, ihr Bruder war Missionspriester in Kenia, da hat sie offenbar etwas wiedererkannt, das ihr sehr tief gegangen ist.»


Frau Kobler atmet ruhig und schliesslich schläft sie ein. Am nächsten Tag finde ich die Mutationsmeldung: Verstorben um 01:28h. «Gute Reise, Frau Kobler! Ich bin sicher, Ihr Bruder hat sie im Himmel in Empfang genommen!»

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